
„Was bringts?“, mag man sich als Student angesichts der Umstellung auf den Bachelor fragen. Ein heiß diskutiertes Thema, seitdem der Stein in Bologna, 1999, ins Rollen gebracht wurde und eine Reformwelle über Europas Hochschulsystem hinwegrollt.
Jeder der Beteiligten hat eine Meinung - ob er nun zu den Befürwortern oder Gegnern der Reform zählt. Hier Aspekte aus Sicht von Studierenden:
Bekannt und anerkannt - Der Abschluss ist international bekannt und europaweit anerkannt.
Berufsbezogen und lernzielorientiert - Anwendungsorientierte Veranstaltungsformen, wie Praktika und Projekte, sollen vermehrt zum Studium gehören. Bei der Neukonzeption der Studiengänge wird auf zwei Dinge geachtet: die Studieninhalte werden neukonzipiert und an klaren Lernzielen orientiert, die auf ein berufsbefähigendes Qualifikationsprofil hinführen sollen. Bei der Neukonzeption und Anerkennung sollen – zumindest in der Theorie – auch Vertreter der Wirtschaft am Tisch sitzen, also zukünftige Arbeitgeber von Studierenden, deren Vorschläge für Lernstoff der Berufspraxis entstammen.
Qualitätsgeprüft und entrümpelt - wie gerade angedeutet, ist eine Neukonzeption der Studiengänge auch eine Chance. Die Studieninhalte und Lernziele werden an die aktuellen Anforderungen aus Wirtschaft und Forschung angepasst. Außerdem muss jeder Studiengang von speziellen Agenturen auf seine Qualität hin überprüft werden, er muss „akkreditiert“ werden.
Kurz, flexibel und individuell - die gestufte Studienstruktur bringt eine kurze Studiendauer mit sich, so dass man sich bereits nach 3 Jahren umorientieren kann. Statt sich direkt nach dem Abi für die nächsten fünf oder sechs Jahre auf ein Fachgebiet festzulegen, von dem man noch nicht so recht weiß um was es geht, ist das nach drei Jahren nochmals möglich. Während der drei Jahre Studium hat man nicht nur einen ersten akademischen Abschluss erworben, sondern auch Fachwissen und Lebenserfahrung. Alle drei Dinge bilden eine gute Basis für weitere Entscheidungen um die Berufspläne nachzujustieren und zu überlegen, ob Master-Studium oder Berufseinstieg die nächsten Stufen der Karriereleite sind.
Macht mobil und „macht“ Europa – Ziel des europaweiten Bologna-Prozesses ist den europäischen Zusammenhalt zu fördern, ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu entwickeln und eine europäische Kultur zu schaffen. Mit der Einführung von einheitlichen Abschlüssen und einem einheitlichen Leistungsbewertungssystem soll die Mobilität von Studenten erhöht werden: Auslandsaufenthalte während und nach dem Studium sollen attratktiver gemacht werden indem Hürden beseitigt werden. Beispielsweise soll man zukünftig, Prüfungen, die man im Auslandsstudium gemeistert hat, leichter angerechnet bekommen. Außerdem soll der europaweit anerkannte Abschluss Türen bei ausländischen Arbeitgebern öffnen, auch die einheitliche Zeugnisbeilage „Diploma Supplement“ (DS) soll dazu beitragen. Das DS beschreibt in verständlicher Sprache Programm, Studieninhalte und Niveau des Studienabschlusses.
Leider hat sich gerade der letzte Punkt – ein Hauptziel der Einführung von Bachelor und Master und der Vision von Bologna – als Illusion herausgestellt. Das straff organisierte Bachelor-Studium und sein kompakter Lernstoff hindert sogar Studenten daran ins Ausland zu gehen. Weitere Nachteile und Kontra-Punkte:
Gekürzt und pseudo wissenschaftlich - Die Studieninhalte müssen bei der kürzeren Studiendauer auch inhaltlich gekürzt werden. Bachelor-Absolventen sind Generalisten, die „von allem etwas, aber nichts richtig wissen“.
Verschult und durchgeplant - Bei den Bachelor-Abschlüssen ist der Studienplan straffer organisiert und klar vorgegeben. Freiräume bleiben auf der Strecke, die notwendig sind um sich interessengeleitet und selbstmotiviert einen Fachbereich erschließen zu können. Motto: „Was auf dem Speiseplan steht und auf dem Teller ist, wird gegessen!“ Da bleibt nur noch zu sagen: „Zum Glück wird es noch nicht vorgekaut!“ Selbstständiges Denken und Entscheiden, selbstverantwortliches Handeln werden zu wenig gefördert.
In Deutschlands Personalbüros noch unbekannt oder kritisch beäugt - mit einem Bachelor hat man es beim Berufseinstieg schwerer weil der Abschluss noch unbekannt ist. Ob sich ein Bachelor-Absolvent gegen einen Diplomanden durchsetzen kann? Einem, der sich durch sein tieferes und breiteres Fachwissen auszeichnet, einen in Deutschland bewährten Studienabschluss in der Tasche hat und ein Plus an Lebenserfahrung vorzuweisen hat? Das mag zwar von Branche zu Branche unterschiedlich sein, die ersten Bachelor-Absolventen hatten es tatsächlich schwerer. Mit der Zeit wird der letzte Kontra-Punkt entkräftet sein.
Viele Studierende würden sich vermutlich weder zu Befürwortern noch zu Gegnern der Reform zählen und schlicht als „Betroffene“ bezeichnen. Wie bei allen Veränderungsprozessen, ist auch hier die Frage, wie man sich an die neuen Gegebenheiten anpasst und letztlich die neuen Chancen nutzt. Eine Chance derzeit: Studierenden soll bei der Anerkennung der Studiengänge, genannt Akkreditierung, ein Mitspracherecht eingeräumt werden - zumindest auf dem Papier. Wer noch nicht viel über die Hochschulreform und Umstellung auf Bachelor und Master weiß, sollte sich auf jeden Fall selbst ein Bild machen und die Vor- und Nachteile der neuen Studienabschlüsse herausfinden, die sich individuell ergeben. So hat man auch nicht das Gefühl von der Reformwelle schlicht überrollt worden zu sein.
